Salem - Hexenjagd in der Neuen Welt

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Salem - Hexenjagd in der Neuen Welt

Beitrag von wds am Di Jun 15, 2010 3:23 pm

Hexenjagd. Viele verbinden damit das "finstere Mittelalter", fanatische Mönche als Vertreter der Inquisition, Folter und brennende Scheiterhaufen.
Doch die Heilige Inquisition und die Katholische Kirche waren bei weitem nicht die einzigen, in deren Namen Frauen, Männer und Kinder als Hexen verfolgt und ermordet wurden. Vielmehr setzten die stärksten Verfolgungen erst zu einer Zeit ein, da die Katholische Kirche ihre Vormachtstellung bereits eingebüßt hatte. Auch in protestantischen Gegenden, wo die Heilige Römische Inquisition (so der offizielle Titel) gar keine Macht besaß, setzte eine gnadenlose Hetzjagd ein - teilweise sogar noch schlimmer als in den katholischen Regionen. Und es war nicht nur Europa betroffen, sondern auch die Amerika - die Neue Welt.

Eine der schlimmsten Hexenjagden der Neuen Welt nahm in den 1690er Jahren in dem Dorf Salem (Neuengland) ihren Anfang: es ist die berühmte Hexenjagd von Salem. Was war geschehen?
Versetzen wir uns für einen Moment in die Vergangenheit. Die Bewohner der Kolonie waren Puritaner - strenggläubige, äußerst bibeltreue Protestanten. Sie lebten in der Überzeugung, dass der Mensch vom Makel der Erbsünde gekennzeichnet sei, und dass das Böse mit seinen Versuchungen überall lauerte. In den Gottesdiensten wurde mit dem Zorn Gottes gedroht, mit ewiger Verdammnis und Höllenqualen. Wie muss so etwas auf den Geist junger Menschen gewirkt haben?

1692 nahm das Verhängnis seinen Lauf. Acht Mädchen zwischen 11 und 20 Jahren zeigten angeblich Symptome "dämonischer Besessenheit" - nachdem sie vorher recht reißerische Schriften voll von den damaligen Vorstellungen über das Hexenwesen gelesen hatten (Für jemanden, der Nacktheit als Sünde empfindet und für den Sex außerhalb der Ehe ein schreckliches Verbrechen ist, müssen allein die Schilderungen von nächtlichen Sabbaten und Orgien schockierend gewesen sein.) Auch die Gruselgeschichten der Sklavin Tituba spielten wohl eine Rolle.
Als erste traf es die elfjährige Abigail Williams und deren neunjährige Cousine Elizabeth Parris, die Tochter des Ortsgeistlichen. Die Anfälle der Mädchen gleichen in vielem den Beschreibungen, die man von den Vorgängen bei modernen Exorzismen kennt: Sie schrien, warfen sich auf den Boden, glaubten, in Tiere verwandelt zu sein, warfen die Bibel durch den Raum (!) und gehorchten ihren Eltern nicht. Die Erwachsenen waren entsetzt - aber das sollte erst der Anfang sein, denn nun zeigten auch andere Mädchen und eine Frau die gleichen Symptome.

Waren die Mädchen wirklich von Dämonen besessen? Ich glaube nicht. So zeigte sich z.B. bei Mary Warren, die als Dienstmädchen im Hause von John und Elizabeth Proctor arbeitete, eine deutliche Linderung der Symptome, als John ihr androhte, sie durchzuprügeln, wenn sie noch einen Anfall bekäme. - John Proctor und seine Frau wurden später von den Mädchen selbst der Hexerei bezichtigt. John wurde daraufhin gehängt, seine Frau entging diesem Schicksal, da sie zum Zeitpunkt der Verurteilung schwanger war.

Etliche Mädchen und auch einige Frauen zeigten nun also ein sehr auffälliges, hysterisches Verhalten. Der Dorfarzt und die örtliche Geistlichkeit konnten keine medizinische Erklärung finden, also schien die Sache für sie klar: Jemand musste die Mädchen und Frauen verhext haben. Man befragte daraufhin die Betroffenen und bat (!) sie, die Schuldigen an ihrem Zustand zu benennen. Vielleicht erkannten die Mädchen, dass sie auf diese Weise einer Bestrafung entgehen konnten? Vielleicht hegten sie schon lange einen Groll auf jene Frauen und Männer, die sie zuerst nannten? Vielleicht wurden sie auch von ihren Familien beeinflusst? Wie dem auch sei, jedenfalls begann nun etwas, was mit "gesundem Menschenverstand" kaum zu begreifen ist. Zuerst benannten die Mädchen nur mehrere Personen, die ohnehin aus diesem oder jenem Grund Anlass gaben, sie der Hexerei zu verdächtigen: die Sklavin Tituba - sie legte ein umfangreiches Geständnis ab und entging so dem Schicksal vieler anderer Angeklagter. Die pfeifenrauchende Bettlerin Sarah Good, die verkrüppelte Sarah Osborne, die - oh welch Skandal! - dreimal verheiratet war, und Martha Cory, die mit ihrem Halbblutsohn ohnehin keine ehrbare Frau war. Natürlich stritten die vier Frauen alle Beschuldigungen ab, doch die Richter waren zu diesem Zeitpunkt (Februar 1692) schon so fest von dem Hexereivorwurf überzeugt, dass sie von ihrer vorgefassten Meinung nicht mehr abzubringen war.

Doch das sollte nur der Anfang sein. Jetzt begannen die Mädchen - angestiftet wahrscheinlich von der Mutter eines der Mädchen - immer mehr Namen zu nennen, darunter auch angesehene Personen, die über jeden Zweifel erhaben waren! Am Schluss waren 150 Männer und Frauen angeklagt! Ein Wahn hatte die Menschen ergriffen - ein Wahn, der weit über Salem hinausreichte. Der Vorwurf war jedesmal derselbe: die Beschuldigten seien den Mädchen als Geist erschienen, hätten sie gebissen, gezwickt, gewürgt etc. Für viele endete die Anklage tödlich, doch selbst jene, die mit dem Leben davonkamen, waren gezeichnet.
Viele der Angeklagten wurden der Berührungsprobe unterzogen. Dabei mussten sie die Mädchen berühren, wenn diese einen Anfall bekamen. Beruhigten sich die Mädchen daraufhin, galt das als Beweis für die Schuld der Angeklagten! Wie absurd das Ganze ist, zeigt der Fall einer Frau Cary aus Charlestown. Auch sie wurde von den Mädchen benannt und kam nach Salem, um ihre Unschuld zu beweisen. Die Mädchen zeigten zunächst keine Reaktion. Erst als sie erfuhren, wer vor ihnen stand, bekamen sie ihre üblichen Anfälle.




Schauen wir uns einige Fälle etwas genauer an:

Richter Dudley Bradsteet:
Er durchschaute schließlich die Mädchen und weigerte sich, weitere Haftbefehle zu unterschreiben. Das Resultat: Er wurde selbst der Hexerei bezichtigt und musste fliehen.

Hauptmann John Alden:
Seine Taten im KAmpf gegen die Indianer hatten ihm den Ruf eines Helden eingebracht. Als man die Mädchen nach Boston brachte, fielen sie bei seinem Anblick in Ohnmacht, erholten sich aber bei der Berührungsprobe sofort wieder. Damit war der HAuptmann überführt und wurde ins Gefängnis von Boston geworfen, von wo er vier Monate später floh.

John Willard:
Er war Bauer und Polizist aus Salem um hatte selbst die ersten Verdächtigen mit verhaftet. Bald aber erkannte er die wahren Schuldigen und sagte, dass -- wenn jemand an den Galgen gehörte -- sie diejenigen seien. Damit sprach er sein Todesurteil. Die Mädchen bezichtigten ihn prompt der Hexerei und er wurde im August 1692 gehängt.

George Burroughs:
Er war ein Mann, der über jeden Zweifel erhaben war. Von 1680-82 war er sogar Pfarrer in Salem. Nun wurde er beschuldigt, er habe den Vorsitz bei gotteslästerlichen Parodien des Abendmahlsgottesdienstes geführt und seine beiden Ehefrauen durch Hexerei umgebracht. EInes der Mädchen, Mercy Lewis, beschrieb, wie George Burroughs Geist ihr die Erfüllung aller Wünsche versprochen habe, wenn sie sich beim Teufel in das Buch der Namen eintrage. Während des Prozesses zeigten die Mädchen BIssspuren, die ihnen angeblich der Geist des ehemaligen Pfarrers beigebracht hatte. Dieser weigerte sich übrigens, die Möglichkeit solcher Schadenszauber auch nur in Betracht zu ziehen und stellte fest: Es gibt wender noch gab es jemals Hexen, die einen Vertrag mit dem Teufel gemacht haben und einen Dämon aussenden können, der andere Menschen von weitem peinigt. - Es half ihm nichts. Der ehrwürdige MAnn wurde gehängt.

Insgesamt wurden 31 der Angeklagten zum Tode verurteilt, neunzehn von ihnen tatsächlich gehängt. Ein alter Mann wurde zu Tode gefoltert, in dem man ihn tagelang nackt auf ein Feld legte und ihm schwere Gewichte auf den Körper legte. Insgesamt war die Hexenjagd von Salem der schlimmste Ausbruch der Hexenverfolgung in der Neuen Welt. Die Hysterie war so schnell vorüber, wie sie gekommen war - schon Anfang 1693 wurde die Anerkennung der Geisterbezeugungen, die bei der Anklage eine so große Rolle spielten, in Zweifel gezogen und die Geschworenen legten 1696 ein Eingeständnis ihrer Fehler ab. Dennoch wurden die letzten Urteile erst 1957 (!) aufgehoben.


Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Was bringt Menschen dazu, in einen solchen Wahn zu verfallen? Die Antwort - wenn es überhaupt eine endgültige Antwort gibt - ist vielschichtiger Natur. Psychologische Aspekte wie Gruppendynamik und Massenhysterie spielen sicher eine große Rolle. Ein anderer Aspekt wurde schon am Anfang dieses Artikels genannt: die streng puritanische Lebensweise der Menschen in Neuengland, die felsenfest von der Allgegenwärtigkeit Satans überzeugt waren. Auch hatte es in der Gegend bereits bis 1691 einige aufsehenerregende Anklagen wegen Hexerei gegeben - so im Fall der Goodwin-Kinder, der den Mädchen von Salem bekannt gewesen sein musste.
Andere Faktoren, die ein günstiges Klima für Hexenverfolgungen in der Art des Salemer Hexenwahns bildeten, waren die politischen Spannungen im Land, eine Pockenepidemie und Piratenüberfälle, nicht zu vergessen ein strenger Winter (Hexen wurde ja auch vorgeworfen, schlechtes Wetter herbeizuzaubern). Für all das brauchte man Sündenböcke - und wer wäre da besser geeignet als die Hexen?

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